Rechtsanwalt Christoph Lerg
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Staatliche Scheidung und kirchliche Eheannullierung

Aus Sicht der katholischen Kirche bestehen die vor dem Standesamt geschlossene Ehe mit ihren staatlichen Rechtswirkungen und die vor der Kirche geschlossene Ehe völlig unabhängig voneinander, weil diese beiden Institute unterschiedlichen Rechtskreisen angehören. Die Trennung von staatlicher und kirchlicher Ehe gilt auch dann, wenn in Ausnahmefällen eine vor dem Standesamt geschlossene Ehe von der katholischen Kirche zugleich als Eheschließung im Rechtskreis der Kirche akzeptiert wird. Aus dieser Trennung ergibt sich zwangsläufig, dass nach katholischem Verständnis eine staatliche Ehescheidung nichts an dem Fortbestand der vor der Kirche geschlossenen Ehe ändert. Eine neue kirchliche Eheschließung kommt somit wegen des Fortbestehens der früheren Ehe nicht in Betracht.

Darüber hinaus vertritt die katholische Kirche von allen christlichen Konfessionen im Hinblick auf die Ehelehre die strengste Auffassung, wonach eine einmal gültig zustande gekommene und geschlechtlich vollzogene Ehe zwischen Christen durch keine Macht der Welt aufgelöst werden kann.

Nachdem also die Auflösung einer derartigen Ehe nicht möglich ist, prüft die Kirche in den kirchlichen Eheannullierungsverfahren, ob bei der Eheschließung eine gültige Ehe überhaupt zustande gekommen ist. Der grundlegende Unterschied zur staatlichen Scheidung besteht darin, dass bei der Scheidung die Ehe ab Rechtskraft des Scheidungsurteils („ex nunc“) durch einen staatlichen Akt aufgelöst ist, während bei der kirchlichen Eheannullierung im Falle eines positiven Ausgangs festgestellt wird, dass von Anfang an („ex tunc“) keine gültige Ehe zustande gekommen ist.

Wird festgestellt, dass eine Ehe nichtig ist, so bedeutet das keinesfalls, dass in den Augen der Kirche eine möglicherweise jahrzehntelange Partnerschaft als ein „Nichts“ angesehen würde. Dies zeigt sich insbesondere auch darin, dass selbst im Falle der Annullierung einer Ehe die daraus hervorgegangenen Kinder von der Kirche weiterhin als ehelich angesehen werden.

Anders als im staatlichen (deutschen) Bereich, in welchem seit dem Jahr 1977 die Zerrüttung als Scheidungsgrund ausreicht, existieren im kirchlichen Bereich eine bestimmte Anzahl von Ehenichtigkeitsgründen, von denen mindestens einer vorliegen und bewiesen werden muss. Da im Rückblick das wirksame Zustandekommen der Ehe zum Zeitpunkt der kirchlichen Eheschließung geprüft wird, kommt es wesentlich auf Umstände zum Zeitpunkt der Eheschließung (und kurz davor bzw. danach) an.

Auch wenn – wie oben ausgeführt – die staatliche und die kirchliche Ehe prinzipiell völlig voneinander losgelöst sind, sprechen die kirchlichen Ehegerichte ein Urteil erst dann, wenn die staatliche Ehe geschieden ist. Das kirchliche Eheannullierungsverfahren kann bereits eingeleitet werden, wenn das staatliche Scheidungsverfahren anhängig ist.